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September, ein Lehmhaus und Dankbarkeit

Mein ganzes Leben lang – besonders als Erwachsene – träumte ich davon, ein Lehmhaus zu besitzen. Ich habe mir vorgestellt, wenn ich unabhängig genug sein werde, wird es passieren: ich baue mir so ein Haus und werde darin wohnen. Und dann werde ich glücklich sein. Denn es wird ökologisch sein, so zu wohnen. Als ich nämlich jung war und meinen Weg „Öko“ zu sein, gesucht habe, schien es mir sehr erstrebenswert. Dieses Ziel wollte ich verfolgen. Jetzt, wo ich fast 40 Jahre alt bin und es endlich an der Zeit wäre, den Lehm in die Hände zu nehmen… möchte ich das gar nicht mehr. Ich wohne in meinen vier Wänden, die so einfach und gewöhnlich sind, wie bei den meisten von Euch. Lehm sehe ich nur in dem Spieleimer meines Sohnes, denn in unserer dörflichen Gegend haben wir viel davon. Und das wäre eigentlich meine einzige Verbindung zum Lehm… denn es hat wirklich keine Bedeutung, ob unsere Wände ökologisch gebaut sind. Wichtig ist es, wer drin wohnt, was für ein Mensch man ist.

Ich kenne eine Unmenge von Leuten, die in Blockhäusern aus Beton in der Großstadtmitte wohnen – und sie sind glücklich. Ich kenne aber auch solche, die streng ökologisch in Indien nomadenhaft leben, weil ihnen die eigene Heimat zu modern geworden ist. Aber wisst Ihr was? Sie sind nicht alle zufrieden! Und wenn wir uns unterhalten, fragen sie mich, warum ist das so? Ob ich eine Antwort darauf hätte. Aber ich habe keine. Weil Glück eine individuelle Sache ist. Es ist ein Seelenzustand, ein Geisteszustand – und nicht abhängig vom Besitz eines Lehmhauses oder vom Verzehr eines Bio-Apfels.

Wir kriegen oft Anrufe von Euch und werden gefragt, was wir von der vegetarischen Ernährung halten, ob wir ökologisch Leben, ob unsere Pferde chemisch hergestellte Arzneimittel bekommen, ob wir unsere Flyer auf dem Papier oder auf was anderem drucken lassen. Vegetarismus ist immer eine persönliche Entscheidung, eine eigene Wahl. Es ist natürlich wunderbar, denn so werden die Tiere verschont… aber auf der anderen Seite, was nutzt uns ein Vegetarier, der ein Menschenfeind ist? Und solche gibt es! Ich glaube, im Leben geht es nicht darum, eine Öko-Seife in der Form der Fibonacci-Folge im Badezimmer liegen zu haben oder einen Bio-Salat zu essen. Oder etwa ein Elektro-Auto zu fahren. Das sind Äußerlichkeiten. Man kann das alles besitzen und alles machen, trotzdem kann man sich unglücklich fühlen.

Oft werden wir gefragt, ob gespendete 2 oder 5 Euro etwas verändern können, denn nicht viele von Euch können es sich leisten, mehr zu spenden. Ich erzähle Euch was: am meisten freut es uns, wenn wir Eure Tiergeschichten hören, wenn Ihr uns Eure Pläne und Gedanken mitteilt, von Eurer Freude erzählt. Auf die Frage nach der Höhe der gespendeten Summe antworte ich mit einer Gegenfrage: wie viel könnt Ihr selber verändern?? Ihr gebt uns eine Fülle an Energie, Inspiration und Motivation. Es ist klar, mit Liebe alleine kann man unsere Pferde nicht ernähren, aber wenn wir alle, wirklich alle, die Tiere wirklich schätzen und ehrlich lieben dann finden wir gemeinsam Mittel, um sie zu retten. Es geht mir nicht um eine blinde Liebe oder darum, sich aus Protest an einen Baum anzuketten etwa.. Es geht mir um eine kluge, reife, ruhige und tiefere Liebe – auch wenn es banal klingt. Ist es aber nicht. Aber, liebe Freunde, diese Liebe muss man in sich haben.

Seit über 15 Jahren sind wir in den Händen der wunderbaren Menschen das Werkzeug und wir sind glücklich, dass wir das sein können. Es werden bald 1500 Pferde sein, die wir zusammen gerettet haben. Und dank Euch und mit Euch gehen wir weiter und weiter. Wir hatten damals, vor 15 Jahren nur Glück – sonst nichts anderes, kein Geld, kein eigenes Land, nicht mal Wissen darüber, wie wir alles schaffen sollen. Es gibt bei uns keine Schreiber, keine Marketing-Spezialisten mit fundierten universitären Kenntnissen. So läuft es nicht bei uns. Ich bin immer noch „auf dem Weg“. Wir lernen ständig dazu und sind immer wieder fasziniert, dass es funktioniert! Und wie es funktioniert! Dank Euch retten wir die Tiere, die ohne Eure Hilfe keine Chance auf Leben hätten. Außer Glück kommen noch Tausende von Zufällen, die uns geholfen haben… aber davon würde ich Euch am besten bei einem Lagerfeuer mit gebackenen Kartoffeln erzählen. Ja, wir haben sogar eigene Kartoffeln – und sind wahrhaftig Meister darin, sie wunderbar zu backen!

Ich wünsche Euch, liebe Freunde: werdet glücklich! Das ist so einfach. Ihr müsst weder Vegetarier sein, Ihr müsst nichts spenden, nicht mal den besagten Bio-Salat drei mal täglich essen. Ihr könnt bei uns jederzeit anrufen, mit uns sprechen, unsere Internetseite erkunden, wir haben eine wunderschöne Bildergalerie mit unseren glücklichen Reservat-Pferden, schaut Euch das an! Ihr könnt auch einen Hund streicheln oder einer Katze zuschauen, die stundenlang die herbstliche Sonne auf einer Mauer sitzend, genießt. Ihr könnt genauso gut eine konventionelle Nussschokolade essen oder ein Glas Wein trinken. Das alles ändert nichts, es wird Euch nicht wesentlich glücklicher machen oder es nimmt Euch das Glück nicht weg. Manchmal könnt Ihr Euch unsere Flyer anschauen und über Tiere lesen, die wir gemeinsam gerettet haben. Die Katze Emil bedankt sich bei Euch genauso wie Esel Bazyli, voller Dankbarkeit ist die Schimmelstute Lala (sie wartet auf ein Adoptivhaus!). Schüchtern blinzelt die dank Euch gerettete Matylda, um sie muss man sich besonders kümmern. Von der anderen Seite der Regenbogenbrücke wedelt mit dem Schwanz Dyzio – er hat Hilfe bekommen dennoch war es zu spät für ihn, er starb in der Tierklinik, umgeben von Ärzten, die bereit waren, ihm zu helfen. Vielleicht war das sein Schicksal.

Ihr dürft es nicht vergessen, dass Ihr Eure Grenzen nicht überschreiten solltet – darauf bestehen wir. Wir möchten nicht, dass von Euch ein Hund gerettet wird, aber Ihr im Winter in Turnschuhen läuft oder ohne wichtige Medikamente auskommt. Wir wissen aber, dass viele von Euch so handeln. Wir wollen, dass Ihr gesund und zufrieden seid und voller Überzeugung davon, dass die Welt, in der wir leben, ein schöner Ort ist und so soll sie auch bleiben: schön. Ob wir Szafirek retten können – das ist eine Sachen, eine andere ist – wenn wir dauerhaft etwas verändern wollen, muss sich unsere Wahrnehmung verändern. Wenn wir den jüngeren Generationen nicht zeigen, dass Hilfe zu leisten eine tolle Sache ist und Freude macht – dann gibt es wenig Chancen dafür, dass die Veränderung wirklich kommt.

Vielleicht baue ich doch irgendwann ein Lehmhaus – obwohl es nicht mehr mein Lebensziel ist. Oder vielleicht baut unsere Stiftung eine ganze Reihe von Lehmhütten, um Euch alle einzuladen, übers Wochenende bei uns mit den Tieren zu wohnen.

Herzliche Herbstgrüße

Eure Ewa Mastyk
Stiftungsgründerin

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